Inspirierende Klangteppiche

Die beiden haben sich vor etwa einem Jahr gefunden und spielen zusammen, wenn Gebauer, der wie Wachter aus Müllheim stammt, aber in Lüneburg lebt, Zeit hat. Dann treffen sich zwei Ausnahmemusiker, die mit ihren Instrumenten anscheinend die Tiefen des Weltalls und die noch unergründlicheren Tiefen des menschlichen Seins erforschen können. Dass die Musik dabei nicht in magische, aber beliebige Endlosschleifen abgleitet, ist der Erfahrung und dem Können der beiden zuzuschreiben. Intuition, kompositorisches Fingerspitzengefühl und erstklassiges Handwerk gehen bei beiden eine Melange ein, unverwechselbar, unverbraucht. "Die eigene Filmmusik" nennt Wachter das, wenn er das Publikum einlädt, die Augen zu schließen, weil es ja doch nichts zu sehen gebe. Aber das macht niemand lange, zu aufregend und spannend ist es, was die beiden da vorne produzieren, zumal das Hang immer noch den Status eines Exoten hat. Wachter hat gleich vier Stück davon mitgebracht.

Der Tonumfang weitet sich dadurch, aber das wirklich Aufregende sind die immer zahlreicher werdenden Klangqualitäten, die Wachter aus den "Blechschüsseln" herausholt. Obertöne machen sich selbstständig und schwingen wie Glockenklang im Raum, kleine rhythmische Motive werden zu einem unaufdringlichen, aber präsenten Ostinato, helle Klangwirbel wirken wie Stromschnellen, die einen Fluss beschleunigen, Melodien blühen auf, in denen das Wissen der ganzen Menschheit in betörend schöne Formeln gegossen ist – das alles kann dieses Instrument, wenn es sich in den richtigen Händen befindet. Und auch das Saxophon ist auf diesem Weg. Manchmal kann man kaum unterscheiden, aus welchem Instrument ein Ton gerade kommt, denn auch im Saxophon schlummert ein ganzer Regenbogen von Obertönen, die Gebauer sanft herauslockt, manchmal ganz leise, dann wieder in kraftvollen Spannungsbögen. Was er allein aus einem einzigen Ton herausmodelliert, könnte Bücher füllen.
Ganz selbstverständlich fügt sich da die Stimme von Tilo Wachter ein, ein Gesang, der an Schamanen oder auch an Muezzine denken lässt, in geheimnisvollen Silben einer unbekannten Sprache, die in ihrer Expressivität aber von jedem verstanden werden. Dass bei aller Emotionalität eine ausgefeilte und permanent erprobte Technik dahinter steckt, könnte den Effekt erklären, dass Wachters Gesang den Kirchenraum so weitet, dass man den freien Himmel spüren kann. In den deutschen Texten und in seiner Moderation unternimmt er keine weitläufigen esoterischen Exkurse, sondern bringt Lebenserfahrung und -erkenntnis in prägnante Chiffren, die jeder für sich selbst lesen muss. So sind es im Stück "Die Ernüchterung des Feldwegs" tausend Schritte barfuß auf einem matschigen, vereisten Feldweg, die reichen, "um zu wissen, wo ich stehe".

Die Musik des Hang hat den Schweizer Komponisten und Pianisten Stefan Abels zu einer Komposition inspiriert: "Bach am Hang" erlebt an diesem Abend seine Uraufführung, Abels ist als "Special Guest" anwesend. "Das Hang war neu für mich, es hat mich inspiriert mit seinen Klangteppichen", erzählt er. Und dann beginnt der Flügel zu singen, die "Klangteppiche" sind weich und strahlen in tausend Farben. Melodien streichen darüber hinweg, wuchtige Basspfeiler geben Halt. Die schrittweise Veränderung von musikalischen Mustern hat schon der alte Bach verwendet, Abels gilt als Spezialist für den Großmeister aus dem 18. Jahrhundert.
Hier kommt dieses Prinzip in einem ganz neuen Gewand daher. Das Publikum zeigt seine Begeisterung mit Jubel und Klatschen, nach anderthalb Stunden hat es immer noch nicht genug und wird mit dem Lied belohnt, in dem es heißt: "Von uns wird keiner jemals alt genug, um Lebensprofi zu sein". Ein Zitat, das Wachter bei Charlie Chaplin gefunden hat. Komödiantisch wird es dann ganz zum Schluss, als die beiden Musiker zur Melodie "Der Mai ist gekommen" das Lied vom kleinen Matrosen singen, der um die Welt segelt, ein Mädchen liebt und kein Geld hat.